Buchbesprechung „Clash City Workers, Dove sono i nostri. Lavoro, classe e movimenti nell’Italia della crisi.“

Das Kollektiv-Werk der Clash City Workers Dove sono i nostri („Wo sind die Unsrigen“) ist in erster Linie eine Analyse der Klassenzusammensetzung im krisengeprägten Italien. Durch die Zusammenführung von historischen Erfahrungen, statistischen Daten und Darstellungen von gewerkschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen schuf das Kollektiv einen Ratgeber für die Intervention im Klassenkampf. Doch die AutorInnen bleiben nicht bei dieser Analyse stehen. Im abschließenden Kapitel Come organizzare il conflitto? („Wie wird der Konflikt organisiert?“) bringen sie es auf den Punkt: „Wir sind nun ans Ende unserer langen Analyse der italienischen Klassenstruktur gelangt. Aber nur aus Gewohnheit nennen wir es Ende: In Wahrheit soll uns all das bis jetzt Gesagte dazu dienen, etwas Neues zu beginnen“ (S. 177).

Der Name des Kollektivs Clash City Workers (CCW) entstammt dem Lied „Clash City Rockers“ der britischen Band der 70er Jahre, The Clash. Das Lied fordert die HörerInnen auf, sich nicht über die eigenen traurigen Bedingungen und über die unbefriedigende Arbeit zu beklagen, sondern sich zu organisieren, um alles radikal zu verändern. CCW ist ein Kollektiv von ArbeiterInnen, Arbeitslosen und jungen Prekären. Es wurde Mitte 2009 gegründet und bis heute gibt es in Neapel, Rom, Florenz und Padua CCW-Gruppen. „Wir führen Untersuchungen durch und versuchen, denjenigen eine Stimme zu geben, die zur Zeit die Krise bezahlen […]. Wir schlagen Analysen der politischen Situation vor […]. Wir übersetzen Material und verbreiten auch hier in Italien die wichtigsten Kampferfahrungen […]. Aber unser Kollektiv beschränkt sich nicht darauf, nur zu informieren und zu debattieren […]. Wir stellen uns gemeinsam mit den Arbeiterinnen und Arbeitern dem Problem der Organisierung der Kämpfe. […] Unserer Meinung nach ist der Kampf der einzige Weg“ (www.clashcityworkers.org). Die Leute von CCW sehen ihre politische Aktivität nicht losgelöst von ihrer eigenen materiellen Existenz, sondern wollen als ArbeiterInnen eingreifen und sich aufgrund einer gemeinsamen Klassenlage solidarisch organisieren.

Ihre Analyse der Klassenzusammensetzung entsteht in einem spezifischen Krisenkontext. Neben dem Ab- und Umbau des Sozialstaates (Bildung, Gesundheit und Sozialversicherungen) – also dem indirekten Lohn der ArbeiterInnen – hat die herrschende Klasse Italiens drei wesentliche Arbeitsmarktreformen durchgeboxt, welche die Situation des Proletariats seit Kriseneinbruch massiv verschlechtert haben (S. 14 ff.). Die Rede ist erstens vom Piano Marchionne („Marchionne-Plan“, benannt nach dem italo-kanadischen CEO von FIAT, Sergio Marchionne) und der Koppelung von Investitionen an die Umstrukturierung der geltenden Tarifverträge in den FIAT-Werken: Intensivierung der Arbeit, Senkung der Löhne, Einschränkung der gewerkschaftlichen Organisierung im Betrieb. Der Marchionne-Plan hat vielen kleineren Unternehmen als Vorbild gedient. Zweitens wurde Artikel 18 des Statut drei lavoratori – dem Kern des Arbeitsrechts – faktisch abgeschafft. Dieser Artikel regelte die Entlassung von ArbeiterInnen und schützte bis zuletzt den größten Teil der abhängig Beschäftigten Italiens. Drittens wurden im Mai 2013 von den Dachgewerkschaften CGIL, CISL und UIL sowie dem Unternehmerverband Confindustria die accordi sulla rappresentanza („Vertretungsabkommen“) unterzeichnet, welche die kleineren Basisgewerkschaften aus den Repräsentationsstrukturen innerhalb der Betriebe ausschließen. Damit soll die Zahl der Konflikte an den Arbeitsplätzen reduziert werden. Diese neokorporatistische Strategie der Bourgeoisie drückt die Arbeits- und Lebensbedingungen aller ArbeiterInnen nach unten und untergräbt die Ansätze von Autonomie der Arbeiterklasse. CCW erkennen in diesem Kontext einen Abwehrkampf gegen die Angriffe der padroni („Kapitalisten“), getragen von einer zwar fragmentierten, jedoch wieder zunehmend homogener werdenden Arbeiterklasse. Da sie weiterhin Schwierigkeiten haben, Kämpfe zu organisieren und miteinander zu verbinden, halten viele ArbeiterInnen an ihrer partikularen Situation fest und formulieren von den eigenen, unmittelbaren Erfahrungen ausgehend allgemeine Forderungen. Die Chance bleibt ungenutzt, andere Erfahrungen miteinzubeziehen und einen theoretischen und praktischen Schritt weiter zu kommen. Hier setzt das Buch an und versucht, aus der Analyse der Struktur der Arbeitskraft in den unterschiedlichen ökonomischen Sektoren und den darin beobachtbaren Kämpfen eine „Politik der Klasse“, verstanden als Eroberung einer kollektiven politischen Macht, zu formulieren.

Im ersten Kapitel skizzieren CCW die wirtschaftliche Struktur Italiens und formulieren eine Kritik der allgemein bekannten Deindustrialisierungs- und Tertiarisierungsthesen. Ausgehend von den offiziellen Statistiken zeigen sie auf, dass in vierzig Jahren (1971– 2011) zwar der Anteil der Dienstleistungen am BIP sowie ihr Anteil an der Beschäftigung stiegen, während die Anteile der Industrie sanken; gleichzeitig ist jedoch keine Senkung der Zahl der MassenarbeiterInnen (lavoro operaio) festzustellen. Denn was in den Sozialwissenschaften und postmodernen, postfordistischen und postoperaistischen Theorietraditionen als Deindustrialisierung und Tertiarisierung bekannt ist, verschleiert im Grunde, dass vor allem die direkt mit dem Industriesektor verbundenen Dienstleistungen (Kommunikation, Informatik, Meinungsforschung, Werbung) an Bedeutung gewonnen haben. Die vermeintliche Verlagerung der Beschäftigung von der Industrie zum Dienstleistungssektor geht zudem zu einem großen Teil auf statistische Verfahren zurück: Tätigkeiten innerhalb der industriellen Produktion, die früher von einem Industrieunternehmen ausgeführt wurden, erscheinen nach dem Outsourcing an spezialisierte Dienstleistungsfirmen als Teil des Tertiärsektors (Reinigung, Transport, Lagerhaltung) (S. 24 ff.). Und so sprechen die AutorInnen von einer terziarizzazione del settore manifatturiero („Tertiarisierung der Güterproduktion“): Die Arbeitsprozesse der Güterproduktion wurden zwar durch ihre Informatisierung und Globalisierung tiefgehend verändert, doch dadurch ist der lavoro operaio keinesfalls verschwunden. Es ist gerade die von der Krise angetriebene Industriepolitik (teilweise Rückverlagerung der Produktion aufgrund von erkämpften Lohnerhöhungen in den BRICS-Staaten und der Türkei und Erhöhung der Ausbeutungsrate in den kapitalistischen Zentren durch „Arbeitsmarktreformen“), welche die MassenarbeiterInnen quantitativ zur dominanten sozialen Figur in der Arbeitswelt macht (S. 29 ff.). CCW kommen zum Schluss: „Wir sind nicht dazu verdammt, an Arbeitslosigkeit und Verwahrlosung zu sterben. In Zukunft werden wir auch an einer vermehrten Ausbeutung sterben“ (S. 36). Im Unterschied zu den Diskussionen über „Postfordismus“ und „Multitude“ im „Negrismus“, die von einer Dominanz von Ideologie geprägt sind und als Resultat abstrakt-theoretischer Reflektionen bezeichnet werden können, gründet hier die Betonung der Kontinuität der materiellen Produktion und die „Wiederentdeckung“ der operai also auf konkret-empirischen Untersuchungen.

Im zweiten Kapitel werden die Fragen gestellt, wie der Reichtum produziert wird und wie sich die abhängige Arbeitskraft zusammensetzt. Die AutorInnen zeigen auf, dass in allen Sektoren die MassenarbeiterInnen vorherrschen, dass die migrantische Arbeitskraft über zehn Prozent der abhängigen Arbeit ausmacht, dass die Krise die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten vergrößert hat und dass – entgegen spontanen Vermutungen – die „italienische“ Arbeitskraft weiterhin in Gewerkschaften organisiert ist (S. 58–62).

Das dritte und das vierte Kapitel bilden den Schwerpunkt des Buches und handeln von der Anatomie der Arbeit. Diese Kapitel haben mich aufgrund der äußerst detaillierten Auseinandersetzung mit den offiziellen Statistiken beeindruckt, obgleich CCW die Beschränkungen der orthodox marxistischen Klassendefinition nicht überwinden. Zwar weisen sie immer wieder auf eine operaistische Perspektive hin, in der die Klassenzusammensetzung als Zusammenhang von Produktionsweise und Bedürfnissen, von Arbeitsorganisation und Organisation der Kämpfe, von der direkten Tätigkeit der ArbeiterInnen und ihren Verhaltensweisen gefasst wird, aber die CCW verharren hier in einem statischen Verständnis von Klasse. Sie verweisen auf das 52. Kapitel des dritten Bandes des Marxschen Kapital und auf „Die Große Initiative“ von Lenin. Zwar wird Klasse nicht schlicht an Quellen und Höhe des Einkommens festgemacht, sondern als komplexes Verhältnis in einer gesamten gesellschaftlichen Produktion verstanden. Auch die Position der Menschen im Produktionsprozess, ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln, ihre Rolle in der Organisation der gesellschaftlichen Arbeit, die Art und Weise der Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums und die Verfügungsgewalt über den gesellschaftlichen Reichtum werden mit einbezogen. In der Materialität der Zahlen und ihrer Interpretation werden i nostri („die Unsrigen“) wiedergefunden und CCW entwickeln eine Kartografie der Klasse nach Anzahl innerhalb der Sektoren, nach der geografischen Verteilung, nach Alter, Geschlecht und Herkunft, nach Vertragstyp und -qualität und nach Art der Tätigkeit. Und doch bleiben CCW in der Definition von Klasse hier stehen. Es fehlen Verweise auf Konzepte, denen zufolge aktive Prozesse der ArbeiterInnen selbst die Klasse konstituieren, beispielsweise auf E. P. Thompsons The Making of the English Working Class, zur historischen Entstehung der ArbeiterInnenklasse verstanden als historisches Phänomen und Resultat von Erfahrungen, oder auf Erkenntnisse der operaistischen Tradition entlang der Zeitschriften Quaderni Rossi und Classe Operaia, welche die Klasse als Bewegung konzipieren.

Ihre statische Definition von Klasse hindert die CCW nicht daran, empirisch einen Schritt weiter zu gehen und zu eruieren, wie die Klasse im nationalen und globalen Gefüge Kämpfe führen kann. Die Analyse der technischen Seite der Klassenzusammensetzung wird von einer Darstellung der politischen Seite der Klassenzusammensetzung begleitet; diese ist für CCW eine notwendige Bedingung für das Entstehen eines Bewusstseins, das Zusammenkommen und schließlich des Kampfes selbst. In den Absätzen L’intervento politico („Die politische Intervention“) am Ende der jeweiligen Abschnitte zur Analyse der Arbeitskraftstruktur skizzieren CCW die tatsächlichen Kämpfe und die zukünftigen Mobilisierungsmöglichkeiten. Und hier hat mich das Kollektiv erneut beeindruckt. Ihre Reflektionen knüpfen an die Historie der Kämpfe an und behandeln Konflikte, an denen Mitglieder der CCW direkt oder unterstützend beteiligt waren. Die breite Fülle an Material (Untersuchungen, Interviews, analytische Texte und vieles mehr) auf www.clashcityworkers.org stellt die intensive Arbeit der CCW in den letzten fünf Jahren unter Beweis.

Zur Veranschaulichung folgendes Beispiel aus dem Sektor Transport und Lagerhaltung (S. 91–98): In einem ersten Schritt stellen die AutorInnen Basisdaten dar, nämlich die Anzahl der Beschäftigten (933.000), die Verteilung nach Geschlecht (188.000 Frauen, 745.000 Männer), nach der Art der Tätigkeit (540.315 lavoro operaio, 336.949 Angestellte und anderes) und nach Regionen (296.000 im Nordwesten Italiens, 255.000 im Süden). Sie beobachten: „Was bei der Analyse der Beschäftigung dieses Sektors auffällt ist, dass er zwischen 2008 und 2013 kaum von der Krise getroffen wurde. Zwischen 2008 und 2011 stieg die Beschäftigung sogar von 913.000 auf 933.000 Personen. Nur 2012 erlebte er einen Dämpfer, was jedoch 2013 wieder wettgemacht wurde“ (S. 94). In einem zweiten Schritt schildern sie anschließend zahlreiche konkrete Konflikte. Zuerst geht es um solche im öffentlichen Transportsektor in den größeren Städten Italiens, in denen die Basisgewerkschaften eine wichtige Rolle bei der Organisierung der ArbeiterInnen gespielt haben. Diese Auseinandersetzungen entzündeten sich einerseits an der Übernahme der öffentlichen Unternehmen durch private, andererseits an der Intensivierung der Arbeitsrhythmen und der Verlängerung der Arbeitszeiten. Danach beschreiben CCW die Konflikte im Logistikbereich, in dem die Managementkonzepte des just in time und der lean production eine absolute Flexibilität der Arbeitskraft garantieren sollen. Hier kämpfen in erster Linie ausländische ArbeiterInnen, die oft irregulär arbeiten und von centri sociali, politischen Kollektiven und Basisgewerkschaften (vor allem S. I. Cobas) unterstützt werden, gegen die spezifische italienische Version von Kooperativen, die nationale Tarifverträge umgehen und so im Zusammenspiel mit ihren AuftraggeberInnen die Ausbeutung verschärfen. Oft konnten die kämpfenden ArbeiterInnen kleine Siege erringen, was CCW zum Schluss führt: „Wenn das Kapital vermehrt in diesen Bereich investiert, dann müssen auch wir vermehrt dieses Klassensegment organisieren. […] Die Kämpfe im Logistiksektor konnten größere Macht entwickeln, weil die ArbeiterInnen nicht die kleinen Kooperativen als Gegner ausmachten, sondern die großen Unternehmen im Produktionssektor (Granarolo) oder im Produktions- und Zirkulationssektor (IKEA). Diese Kämpfe wirken sicherlich wie eine Schule, denn die ArbeiterInnen haben trotz ungünstiger Bedingungen eine Praxis entwickelt, die den Arbeitskampf schnell und effektiv verallgemeinerte und somit einen wichtigen Beitrag zum Klassenkampf leisten konnte“ (S. 98).

Diese Ausführungen zeigen exemplarisch, dass CCW die Zusammenführung der Analyse der Klassenstruktur und der Kampfmöglichkeiten nicht widerspruchsfrei gelingt. Erstere Analyse findet mit vielen empirischen Verweisen tiefgründig statt. Doch ist es fraglich, ob die Beschreibung von Kämpfen und Interventionsmöglichkeiten ausreicht, um die politische Konsolidierung der Klasse zu verstehen. Was genau hat zur Konsolidierung der Klasse in diesem Sektor geführt? Waren es schlicht die Kampferfahrungen? Welche Rolle spielte die solidarische Unterstützung der centri sociali? Welche Widersprüche waren und sind in diesen Kämpfen festzustellen? Solche Fragen werden im Buch nur oberflächlich oder gar nicht beantwortet, was einerseits darauf hinweist, dass auch CCW keine genaue Definition der politischen Klassenzusammensetzung haben. Andererseits verweist dies auch auf methodische Probleme der (wissenschaftlichen) Darstellung der Klassenzusammensetzung, denn die Struktur der Arbeitskraft und die politische Konstitution der Klasse sind keine voneinander getrennten Prozesse. Zudem bleibt in der Darstellung der politischen Intervention unklar, in welchem Verhältnis sich CCW zu den kämpfenden ArbeiterInnen definieren. Zwar verstehen sie sich als ArbeiterInnen, die ähnliche Ausbeutungsverhältnisse wie die kämpfenden ArbeiterInnen an ihren Arbeitsplätzen erleben und als solche die Arbeitskämpfe solidarisch unterstützen. Auch unterstreichen CCW, dass keine gewerkschaftliche oder politische Organisation die Klasse von außen repräsentieren und für sie handeln soll. Gleichzeitig schwappen aber CCW hin und her zwischen der Vorstellung eines mechanischen Prozesses der Klassenzusammensetzung und derjenigen eines voluntaristischen Aufbaus des politischen Klassenbewusstseins, in dem sie selbst, als CCW, als Katalysator dienen können. So bleiben auch ihre Unterscheidung zwischen gewerkschaftlichen und politischen Kämpfen und ihr Verständnis von Klassenbewusstsein unerklärt und erinnern allzu oft an die entsprechende leninistische Aufteilung und die angebliche Notwendigkeit einer von außen agierenden politischen Organisation.

Diese Unklarheiten werden auch im letzten Kapitel nicht beseitigt, in dem CCW wichtige Anhaltspunkte für die Intervention in Kämpfen und innerhalb der gesamten Klasse formulieren: Dies zielt erstens auf die produktiven gegenüber den unproduktiven ArbeiterInnen – also die soziale Figur, die durch ihre Arbeit Reichtum produziert, den sich das Kapital aneignet. Die Kombination von Tertiarisierung und Finanzialisierung der Industrie hat die produktiven ArbeiterInnen eng miteinander verbunden, sowohl bezüglich der engeren Verkettung verschiedener Produktions- abschnitte weltweit wie auch bezüglich der Vereinheitlichung ihrer materiellen Situation. Der Fokus auf die produktiven ArbeiterInnen bedeutet aber nicht, dass andere Schauplätze vernachlässigt werden sollen: Bisogna fare politica ovunque („Überall muss man Politik machen“) schreiben CCW, also Konflikte außerhalb der Produktion mit denen innerhalb der Produktion verbinden. Denn die Macht entspringt letztlich immer aus dem Besitz an Produktionsmitteln, die nur dank derer funktionieren, die wissen, wie man sie in Gang setzt. Daher geht es zweitens darum, die ArbeiterInnen aller Länder miteinzubeziehen, also den Austausch von Erfahrungen und Solidarität internationalistisch zu betreiben, was bedeutet, die kämpfenden ArbeiterInnen, die schon durch das Kapital verbunden sind, politisch zusammenzubringen (S. 181). Drittens: „Wie wir gesehen haben, sind es Frauen und MigrantInnen, die in allen ökonomischen Sektoren die schlechtesten Arbeitsbedingungen, die niedrigsten Einkommen und schlechtesten Zukunftsperspektiven haben. Die Systematik, mit der Frauen und MigrantInnen unterworfen werden, weist auf die Struktur der Akkumulationsprozesse hin“ (S. 183). Der spezifische Fokus auf die geschlechtsspezifische Ausbeutung führt zur Verbindung zwischen unterschiedlichen Sektoren der Arbeit und der Nicht-Arbeit, also den Arbeitslosen und Nicht-Arbeitenden, die zu einer großen Mehrheit Frauen sind: „Frauen sind, noch mehr als andere Arbeiter, unmittelbar nicht nur dem Arbeitgeber untergeordnet, sondern auch einer ganzen gesellschaftlichen Organisation“ (S. 184). Auch die Situation der migrantischen Arbeitskräfte ist durch prekäre Bedingungen weit über die Arbeit hinaus geprägt (Wohnen, Gesundheit und so weiter). CCW wollen ihre politische Handlungsmacht hervorheben – gegenüber den Tendenzen, sie als zu vertretende und hilfsbedürftige Opfer zu betreuen: „In diesen Jahren haben MigrantInnen in einigen Sektoren die Rolle einer Avantgarde gespielt, auch weil sie unter den schlechtesten Bedingungen leben“ (S. 186). Viertens geht es um die questione meridionale („Frage des Südens“). CCW zeigen auf, dass der Süden beschäftigungspolitisch nicht einfach „vernachlässigt“ wurde, sondern die Hyperprekarität vor allem von Frauen und Jugendlichen eine politische und ökonomische Grundlage der Kapitalakkumulation italienischer Art ist. Bewusst wurde der Süden seit jeher ökonomisch als „Peripherie“ gegenüber den industriellen Zentren des Nordens und gesellschaftspolitisch als reaktionäres Gebiet aufgebaut, um den Transformationsprozess Italiens in den Hochphasen sozialer Proteste im Norden zu verlangsamen und so die Hegemonie des norditalienischen Kapitals zu garantieren (S. 188 ff.).

Abschließend stellt sich die Frage, warum dieses Buch interessant und lehrreich ist. Obwohl es theoretisch viele Fragen offen lässt, zeichnet es als empirische Forschungsarbeit ein Bild des heutigen Italiens. Losgelöst von ideologischen Setzungen analysieren CCW, wie sich die Organisation der Ausbeutung und der ArbeiterInnenkampf konkret verändern, und heben die Handlungsmacht der operai hervor. Der Versuch der CCW, die sozialen Kämpfe zu verstehen und zu dokumentieren, ist ein erster Schritt zur solidarischen Unterstützung der Kämpfenden. Aus einer politischen Perspektive erscheinen die CCW als Antwort auf den Niedergang und den Zerfall der italienischen Linken in viele Mini-Grüppchen. CCW richten den Fokus auf kämpfende ArbeiterInnen als mögliche ProtagonistInnen einer antagonistischen Subjektivität. So ist das Buch eine Art Sammlung proletarischer Suchprozesse, an denen CCW sich beteiligen, die sie darstellen und im besten Fall an einigen Punkten befördern wollen. In dieser Hinsicht motiviert ihre Arbeit zur Nachahmung.