Berichte zum Streik und zur Fabrikbesetzung der Arbeiter bei Pavatex in Fribourg

En grève!

ERSTER BESUCH (Mittwoch, 12. November 2014):
Im Folgenden werde ich kurz über meinen ersten Besuch in der besetzten Pavatex-Fabrik in Fribourg berichten.
Der Weg dahin ist ohne Auto etwas beschwerlich und fast ein wenig symbolisch, für die Situation: Man entsteigt dem Bus an der Haltestelle Charmettes, Pérolles. Mitten in einem Schul- und Universitätsgebiet. Moderne Gebäude. Alles auf Hochglanz. Dann beginnt der 20minütige Fussmarsch zur Fabrik. Von der Anhöhe läuft man hinunter Richtung Fluss, Richtung Sarine. Der Weg führt durch ein Waldgebiet. Anfangs hats noch ein Trottoir für Fussgänger, später fehlt dieses gänzlich. Erst nachdem sich die Strasse einige Male wie am Gotthard gewunden hat, kommt man ans Ziel: Die besetzte Fabrik. Ich erzähle die Geschichte, wie ich zur Fabrik fand dem Arbeiter, der auch in der Personalkommission sitzt. Er wird sie allen Leuten, die neu zum Streikposten kommen immer wieder erzählen: „Hei, da kommt einer aus Luzern! Mit dem Zug! Und er ist von Charmettes zu Fuss zur Fabrik gelaufen!“ Der Stolz steht ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, wie er da in seinem Blaumann vor der blockierten Fabrik steht und verschmitzt lächelt. Man würde ihn am liebsten gleich knuddeln.
Überhaupt freuten sich die Arbeiter (alles Männer) sehr über die Unterstützung und eine eifrige Journalistin der Freiburger Nachrichten wird mich wohl in ihrem Artikel zitieren. Tant pis.
Von den 45 Arbeitern sind bis auf einige wenige alle am Streik beteiligt. Ein Gewerkschaftsfunktionär sprach von 90%. Die Belegschaft setzt sich vornehmlich aus älteren Arbeitern zusammen. Die meisten sind zwischen 45-65 Jahre alt und seit Jahren bei Pavatex. Aber auch die jüngeren Arbeiter sind in der Region verankert mit Familie oder Haus. Der Anteil an Arbeitern mit migrantischem Background ist ebenfalls gross.
Kurzum die Situation scheint ein wenig wie bei Deisswil, mit dem Unterschied, dass man hier eben in der Romandie ist. Was das bedeutet, verdeutlicht der Arbeiter aus der Personalkommission: Der Schliessungsentscheid wurde in einer Versammlung verkündet. Damit alle Arbeiter daran teilnehmen konnten, mussten die Maschinen angehalten werden. Vorgesehen wäre gewesen, dass um 5 Uhr am nächsten Morgen die Produktion wieder aufgenommen wird. Nachdem die Arbeiter von der Schliessung erfuhren, wollten sie gleich in den Streik treten, wollten einfach nicht mehr zurück an die Maschinen. Doch die Gewerkschafter und PeKo überredeten sie, die Arbeit wieder aufzunehmen (@ Biberist-Effekt). Drucksten die Arbeiter in Deisswil immer irgendwie um wirkliche Kampfmassnahmen rum, war hier von Anfang an ausser Frage: Die Arbeiter wollen kämpfen! „Jusqu‘au bout!“ Wie mir ein Arbeiter erklärte. Zudem gibt es keine Spaltung der Belegschaft zwischen Migranten, Schweizern oder PeKo-Leuten.
Dabei ist die Vorgeschichte des Konflikts lange. In den Jahren 2011 – 2014 haben die Arbeiter auf 3% ihres Lohns verzichtet. Nur um anschauen zu müssen, wie in Frankreich eine weiter Fabrik hochgezogen wurde. Immer wieder nahm Pavatex Kurzarbeit in Anspruch, d.h. die Arbeiter blieben zu Hause, wurden aber bezahlt. Anfangs dieses Jahres war die Rede von 18 Entlassungen. Diese konnten aber mit dem Angebot auf weitere Beantragung von Kurzarbeit beim Staat durch PeKo und Gewerkschaft abgewendet werden. Alle erwarteten auf November die Ankündigung ebendieser Kurzarbeit, stattdessen wurde nun die Fabrik geschlossen.
Ganz überraschend kommt es nicht für die Arbeiter: Ein Funktionär zeigte mir Bilder der Fabrik. Alte Maschinen, alles verrostet, man hat das Gefühl, als wäre es noch 1948 (Eröffnung von Pavatex Fribourg). Hier wurde also kaum investiert und gleichzeitig in Frankreich eine nigelnagelneue Fabrik eröffnet. Daher glaubt auch niemand daran, dass die Fabrik hier erhalten werden kann. Man spricht von Wohnungsprojekten für das Fabrikgelände … (here we are again…). Was die ArbeiterInnen aber restlos auf die Barrikade trieb war der sog. „Sozialplan“. Ich habe es selbst gelesen. in Arbeiter hat ein Kreuz auf die Papiere gemalt. Grundsätzlich wird eine Firma zur „Laufbahnberatung“ angestellt. Gemäss Direktion soll das 18′000 Franken kosten. Eine Leistung, welche die Arbeiter aber auch beim RAV bekämen. Weiter wird angeboten, Stellen bei Pavatex Cham oder in Frankreich zu suchen. Für Härtefälle soll eine Frühpensionierung in Erwägung gezogen werden, bezahlt aus der Pensionskasse der Arbeiter. Das sind die berühmten „mesures“, welche die Direktion wegen dem Streik enttäuscht zurückzunehmen droht. Sollen sie mal, das ist ja weniger als nichts. Dabei will die Belegschaft im Moment Verhandlungen im Beisein der Unia. Der PeKo-Arbeiter hat mir gesagt, sie würden sich in den Verhandlungen überfordert fühlen, da die auch die ganzen Gesetze, etc. nicht kennen würden. Doch die Direktion weigert sich und erklärt den Streik für illegal.
So siehts aus, bis jetzt. Weiter gehts: Heute Abend gibts ne Sitzung des (externen) Solikreises, ich erhalte ne Mail mit Infos darüber. Am Freitag gibts um 17:30 Uhr einen Fackelmarsch in Fribourg. Nächste Woche ist ein Besuch in Cham geplant. Die Besetzung bleibt aufrecht erhalten. 24 Stunden à 3 Schichten. Wie in der Fabrik.


ZWEITER BESUCH (Donnerstag, 13. November 2014)

Die Fronten sind nach wie vor verhärtet. Allerdings haben die Ankündigung der Direktion, die Löhne zu suspendieren und die gezielten Versuche mittels privater Anrufe die Belegschaft zu spalten Spuren hinterlassen. Ein Arbeiter meinte, die Stimmung sei gesunken von gestern auf heute.

Immer um 13 Uhr treffen sich die Arbeiter zur Versammlung. Darin stimmen sie über die Weiterführung des Streiks ab und besprechen technische Details. Wir haben es genutzt, um uns auf dem Gelände der Pavatex ein wenig umzusehen. Dieses Gelände ist riesig, scheint noch grösser als das Gelände von Deisswil. Christophe, der Gewerkschaftsfunktionär der Unia meinte, bei den herrschenden Preisen auf dem Immobilienmarkt von Fribourg könnte man mit dem Verkauf ein Vermögen machen.

Was möglicherweise im ersten Bericht etwas zu optimistisch beschrieben wurde ist die Selbsttätigkeit der Arbeiter. Die Arbeiter sagen immer wieder, dass sie ohne die Unia nicht hier sein könnten. Sie unterschätzen ihre eigene Stärke, stellen sie unter den Scheffel. Wenn man dann aber gezielt nachfragt, ob der Streik denn ohne ihre Entscheidung zu streiken zu stande gekommen wäre, so sagen sie schon, dass ohne ihre kollektive Stärke nichts gegangen wäre. Man erfährt interessante Dinge, z. B. dass nur das Werk in Pavatex in der Lage ist, alle Produkte von Pavatex herzustellen. Wenn man dann weiterfragt, ob sie nie daran gedacht hätten, den Erhalt der Arbeitsplätze zu fordern, dann sagen sie: Das haben wir der Direktion schon vorgeschlagen, aber die sagen wir sind 30% zu teuer, das ginge nicht. Das wird dann so geschluckt.

Diese Haltung hat zur Konsequenz, dass sich die Arbeiter vollumfänglich durch Unia und Syna vertreten lassen in Verhandlungen. Heute Abend treffen sich die Direktion, ein Regierungsrat (FDP) und die Gewerkschaften zu Verhandlungen. Arbeiter ist keiner dabei. Das heisst, im Worst Case, könnte die Besetzung und der Streik morgen schon zu Ende sein, denn die Arbeiter fordern ja „nur“ Verhandlungen über einen Sozialplan.

Soviel mal vorerst.

DRITTER BESUCH (14. November 2014)
Als ich heute um 12.30 Uhr am Fabriktor eintraf waren ungewöhnlich viele Arbeiter vor Ort. Schon auf dem Parkplatz grüsste mich ein Arbeiter, der gestern noch im Blaumann da war, heute im Anzug. Er schüttelte mir die Hand und meinte: „Wir haben aufgehört zu streiken.“ Auf meine Frage, warum sie aufgehört hätten, meinte er, sie hätten ein – kleines, wie er betonte – Zugeständnis abgerungen. Verhandlungen mit der Unia zusammen. Er selber sei ebenfalls in der Delegation mit 3 weiteren Arbeitern.

Als ich weiter zum Grill schritt wurde ich mit der üblichen Gastfreundschaft begrüsst: „Junger Mann, nimm dir eine Cervelat und ein Poulet, hier hats Bier, Weisswein, Rotwein…“ Trotz der grossen Auswahl an Alkohol war keine richtige Feierstimmung. Niemand wollte sich gratulieren lassen. Es wurde abgewehrt, dies sei erst ein kleiner Schritt, ein Beginn. Auf die Frage, warum die Besetzung und der Streik aufgelöst und damit das Druckmittel aus der Hand gegeben werde, wurde kleinlaut zugestanden, dass es schwer werden dürfte, den Druck wieder zu erhöhen. Aber dann wichen die Bedenken wieder einem Zweckoptimismus: Die Direktion sei „fair“ und mit der Unia zusammen lasse man sich nicht über den Tisch ziehen. Hinter vorgehaltener Hand meinte allerdings ein Arbeiter der PeKo zu mir, es gebe Unmut. Einigen Arbeitern ginge es zu wenig schnell. Kurzum: Das Ganze machte nicht den Eindruck einer Siegesfeier.

Die Streikplakate und die von den Arbeitern gemalten Tafeln waren schon weg. Das Tor wieder geöffnet. Der Peko-Arbeiter erzählte mir vom beschwerlichen Streikalltag. Nach einiger Zeit stiegen die Arbeiter in ihre Autos und fuhren heim. Die verbliebenen Arbeiter räumten auf. Die Produktion wird am Montag wieder aufgenommen. Die Verhandlungen sind nächste Woche. Der Gewerkschaftsboss Jacquier liess sich kaum blicken, sass im Auto und telefonierte. Mit wem wohl? Wir wissen ja, dass das Kommando bei der Unia nach drei Streiktagen von der Zentrale übernommen wird.

Aber das alles ist nicht der Grund, warum der Streik jetzt genau so endet, wie ich es gestern befürchtet habe. Das Ziel der Arbeiter war von Anfang an Verhandlungen mit der Unia am Tisch. Damit einher geht auch der Glaube, die Spezialisten der Unia könnten wesentliche Verbesserungen rausholen. Darin fand die Radikalität dann auch ihre Grenze und die Erkenntnis, dass nur der Druck der Besetzung die Direktion zu Zugeständnissen bewegen könnte, ist nur teilweise vorhanden. Es ist schon absurd: Heute muss man in der Schweiz drei Tage streiken und die Fabrik besetzen, damit es überhaupt zu Verhandlungen über einen Sozialplan kommt. Nicht für den Erhalt der Arbeitsplätze, nicht einmal für den Sozialplan (was man früher als Niederlage betrachtet hätte), sondern für den Beginn von Verhandlungen mit ungewissem Ausgang. Was für eine Welt!

15. November 2014
So ein Streik lässt einem dann halt doch keine Ruhe. Besonders wenn man solche Kommentare von CEO Martin Brettenthaler in den Medien liest (http://www.laliberte.ch/news/les-ouvriers-de-pavatex-cessent-leur-greve-mais-restent-vigilants-263572):

«La direction de l’entreprise est très satisfaite et se félicite de l’arrêt de cette initiative inutile – la grève – qui ne mène à rien. Des syndicalistes seront présents pour apporter leur expérience et leur aide aux salariés lors du dialogue», relate Martin Brettentahler, directeur général de Pavatex SA. Il affirme toutefois que la direction n’a pas changé sa position. «Nous voulons mettre en œuvre les mêmes mesures d’accompagnement proposées dès le début. Beaucoup de questions se posent et nous souhaitons apporter plus de clarté», poursuit-il.

Die Direktion gratuliert sich selber zum Ende des Streikes, den sie als nutzlose Initiative bezeichnet, die zu nichts führe. Stattdessen wird auf den Dialog verwiesen, der nun mit den Gewerkschaftern der UNIA am Tisch stattfindet. Ein Meisterstück der Verdrehung von Zusammenhängen! Denn es ist ja ein Fakt, dass es zu diesen Gesprächen gar nie gekommen wäre, ohne den Druck des Streiks. Und genau dieses Druckmittel fehlt jetzt, denn Brettenthaler hat seine Position nicht geändert und will die vorgeschlagenen „Begleitmassnahmen“ ins Werk setzen. Was die Arbeiter der PeKo und die UNIA hier noch rausholen sollen ohne die besetzte und bestreikte Fabrik im Hintergrund, scheint fraglich. Die UNIA gibt vorsichtig zu Protokoll, es würden schwierige Verhandlungen anstehen. Allerdings blieben die Arbeiter wachsam und man sei zu allen Eventualitäten bereit:

«Même si c’est un premier succès, les salariés s’attendent à des négociations difficiles», avertit le syndicat dans un autre communiqué de presse diffusé hier. Bien que le mouvement de grève soit interrompu, la voie menant à une solution concrète semble encore longue. Unia ajoute que «la vigilance demeure entière et reste paré à toute éventualité».

Viel Zeit für diese sogenannten „Eventualitäten“ (UNIA) bleibt nicht. Das endgültige Ende der Produktion ist auf den 21. November veranschlagt. Also Ende nächster Woche. Genau dann sollen auch die Verhandlungen zu Ende gehen. Und wie soll nachher Druck auf die Kapitalisten ausgeübt werden? Mit einer Petition? Zum Haaröl seiche!

P.S.: Wir sind nicht die Einzigen, die es so sehen. Ein Kommentar in der FB-Gruppe zum verlinkten Artikel (Link der FB-Gruppe: https://www.facebook.com/pages/Soutien-aux-travailleurs-de-Pavatex/801987926506112):

«La direction de l’entreprise est très satisfaite et se félicite de l’arrêt de cette initiative inutile – la grève – qui ne mène à rien.»

«Nous voulons mettre en œuvre les mêmes mesures d’accompagnement proposées dès le début.»

Mais quelle arrogance ! Vous devriez reprendre la grève et l‘occupation de l‘usine, puisque visiblement vous n‘obtiendrez rien par la négociation…