Der geplante Tod einer Fabrik.
Der Kampf gegen die Schliessung der Karton Deisswil

Buchcover

Jemand kauft eine Fabrik und verpflichtet sich, sie nicht zu betreiben. Eine funktionierende, rentable Kartonfabrik mit einer hoch motivierten Belegschaft, die keinen Karton mehr herstellen darf. Was wie eine erfundene Geschichte anmutet, hat sich im Frühsommer 2010 im bernischen Deisswil in der Schweiz genau so abgespielt.
Das Buch «Der geplante Tod einer Fabrik – Der Kampf gegen die Schliessung der Karton Deisswil» zeichnet diese Geschichte nach. Das Herzstück besteht aus Gesprächen mit elf Arbeitern der ehemaligen Karton Deisswil AG.

Netzwerk Arbeitskämpfe (Hg): Der geplante Tod einer Fabrik.
Der Kampf gegen die Schliessung der Karton Deisswil
Bern 2010: apropos Verlag 223 Seiten, 13.50 CHF
ISBN 978-3-905984-02-6
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Una versione sommaria de libro in italiano
La morte premeditata di una fabbrica (PDF)

Poiché nella nostra società regna la libertà, la libertà d’opinione e soprattutto la libertà di licenziare, la liber- tà di liberarsi dai dipendenti indesiderati o meglio ancora di non assumerli nemmeno.

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Buchbesprechung in Wildcat 89 (Frühjahr 2011)

Der kampf wo me het gmeint me het gwunne, hei si doch verlore…“
Der geplante Tod einer Fabrik – Der Kampf gegen die Schließung der Karton Deisswil

Mit der Zunahme von Streiks und Kämpfen gegen Betriebsschließungen erscheinen auch vermehrt Dokumentationen und Auswertungen dieser Konflikte. Solche Bücher, Broschüren und Filme können eine wichtige Rolle beim Weitergeben der Erfahrungen spielen. Es ist aber immer schon eine schwierige Frage gewesen, wie Arbeiterkämpfe abgebildet werden können. Einen mutigen Weg wählt das 2010 erschienene Buch „Der geplante Tod einer Fabrik“ zur Auseinandersetzung um eine Betriebsschließung in der Schweiz mit bitterem Ende: Mehr als die Hälfte des 223seitigen Buchs nehmen sieben Interviews mit elf Arbeitern ein. Dem absurden Bild des „Happy End“, das Unternehmer, Lokalpolitik und Gewerkschaft unisono hinausposaunten, setzt eine Gruppe externer UnterstützerInnen ihre eigene Einschätzung und die der Arbeiter entgegen. Im Zentrum steht dabei die Frage, warum deren Selbstorganisierung so spät zündete und dann schnell wieder steckenblieb.

Die Kartonfabrik in Deisswil im Berner Umland soll im Frühjahr 2010 geschlossen werden, nachdem vom besitzenden Großkonzern schon sehr lange nichts mehr investiert worden war (darauf bezieht sich der Titel des Buches). Die Arbeiter, Schweizer und ehemals migrantische Arbeiter aus Osteuropa, die mehrheitlich damit gerechnet hatten bis zur Rente dort durchzuhalten, begleiten die von der Gewerkschaft UNIA übernommenen Verhandlungen mit Menschenketten und Demos. Unliebsam radikale Ideen der Arbeiter – den Chef festzusetzen, eine Maschine symbolisch wieder in Betrieb zu nehmen… – werden von der Gewerkschaft ignoriert, mehrere Demonstrationen lässt sie ins Leere laufen. Als klar ist, dass ein Großteil des gelagerten Kartons im Wert von vielen Millionen schon abtransportiert ist und dass sowieso nur noch um einen Sozialplan verhandelt wird, schwenkt Gewerkschaftsfunktionär Pardini um: die Tore sollen blockiert werden, um weitere Transporte zu verhindern.

Ein Teil der Arbeiter nimmt die Idee nach einigem Zögern an und macht sie zu ihrer eigenen, die Stimmung wird kämpferisch – aber nach 20 Minuten werden die Blockierer von einem anderen Gewerkschafter, dem Präsidenten ihrer Betriebskommission (BR) und deren Anhängern in der Belegschaft unter starkem Protest zurückgepfiffen. Pardini bringt in den nächsten Tagen alle auf Linie, und es wird weiter blockiert. Die Gewerkschaft spielt „guter Bulle – böser Bulle“ mit den Leuten, vielleicht auch aufgrund interner Richtungsstreits. Durch die Verzögerung kann der restliche Karton abtransportiert werden, die Leute bewachen letztlich leere Hallen. Und ohnehin ist die Stimmung nicht mehr die selbe – die Herausgeber schreiben, dass nicht die Kampfform entscheidend ist, sondern wer die Kontrolle darüber hat.

Wenige Tage später kommt die übliche Nachricht, ein Finanzinvestor habe den Betrieb übernommen. Obwohl in der Fabrik kein Karton mehr produziert werden soll, verspricht er der Gewerkschaft „Arbeitsverträge zu den gleichen materiellen Bedingungen für alle“. In der Realität bleibt für die Arbeiter ein Grundlohn, der ohne Schichtzulagen usw. niedriger ist als das Arbeitslosengeld. Sie werden permanent unter Druck gesetzt, „freiwillig“ zu gehen – und wenn sie dann gehen, verlieren sie einen Großteil der eh schon miserablen Abfindung. Von den 253 Arbeitern werden 30 von der Nachfolgefirma direkt übernommen, 120 werden mit Abriss- und Aufräumarbeiten auf dem Gelände beschäftigt oder an andere Firmen verliehen. 110 Arbeiter haben sich einen anderen Job gesucht.

Hingehen!

Der erste Teil des Buches enthält vier Beiträge einzelner Unterstützer und ein gemeinsames Vorwort, in denen sie darstellen, was für sie die Lehren aus der Auseinandersetzung sind, in denen sie die Verarsche, Schiebereien und Kungeleien hinter den Schlagzeilen und in den Verwaltungsbüros der Apparate offenlegen. Die Gewerkschaft, die sich über die ArbeiterInnen hinweggesetzt habe, wird hart kritisiert. Aber auch, dass die Arbeiter „passive Mitglieder der Gewerkschaft“ geblieben seien und ihre vorsichtig abwartende Haltung zu deren sozialpartnerschaftlichem Vorgehen wie „ein Schlüssel ins Schloss“ gepasst habe (S.197). Einer stellt das Umschlagen der Stimmung von Resignation zur Rebellion und wieder zurück dar: letztere müsse – auch von externen UnterstützerInnen – gepäppelt werden, denn in uns allen existiere beides. Ein anderer betont, UnterstützerInnen dürften nicht anstelle der Belegschaft den Kampf führen, sie müssten sich immer fragen, wo Unterstützung aufhöre und unzulässige Einmischung anfange. (S. 37f.)

Sie begründen ihre Vorgehensweise mit ihrem Interesse an einer „gewerkschaftspolitischen Praxis, die sich selbst jenseits von Stellvertreterpolitik ‚von oben‘ situiert und auf die Selbstorganisation und die Autonomie der sozialen Bewegungen zielt.“ (S.72) Sie gehen davon aus, dass „der Auflösung der kollektiven Arbeitszusammenhänge Formen der ‚Interaktion‘ entgegenstehen müssen.“ (S.71f.) Das ist richtig, denn die Fabrik hat vielerorts ihre organisierende Kraft verloren, zum einen durch die Aufsplitterung der ArbeiterInnen durch Umstrukturierung und Deregulierung, zum anderen durch Massenentlassungen wie im Fall von Deisswil. Dort haben sie einiges ausprobiert: eine Streikzeitung gemeinsam zu produzieren, einen Treff- und Diskussionsort in Form eines wöchentlichen „Mittagstisches“ zu initiieren, Streikfilme anderer Betriebe zu zeigen. Es sei wichtig, andere Räume zu öffnen, Interaktionen möglich zu machen, gemeinsame Erlebnisse zu schaffen, in denen überhaupt erst kollektive Erfahrungen gemacht werden können. Richtigerweise betonen sie, dass eine bloße Kritik der Gewerkschaftsführung nicht weiterhilft, da die Ursachen für fehlende Kämpfe tiefer liegen – genau in der oben beschriebenen Vereinzelung und dem Fehlen von Kampferfahrungen. Um diese aufzubauen brauche es, so das Fazit, „niederschwellige Aktionen, welche die Belegschaft vereinen und stärken“, an denen alle teilhaben und Erfahrungen machen können. (S. 197)

Die Herausgeber waren auch beim Streik der SBB-Werkstätten in Bellinzona als Externe dabei und sind Mitglieder der Vernetzungsinitiative „Schaffen wir zwei, drei, viele Officine!“. Trotz „ähnlicher Ausgangslagen“ erscheint ihnen der Kampf in Deisswil „wie eine Negativaufnahme“ (S.196) dessen, was sie dort erlebt haben: Während die Arbeiter in Deisswil auf Verhandlungen hoffen und Kampfmaßnahmen solange hinausschieben, bis sie unwirksam werden, gab es in Bellinzona eine langjährige Betriebsgruppe, eine aktive Arbeiterversammlung und „eine Gewerkschaft, die ihre Strukturen in den Dienst der Belegschaft und ihres Kampfes gestellt hatte“ (ebd.). Dass sich die Gewerkschaft in Bellinzona ganz anders verhalten hat als in Deisswil, ist allerdings nicht allein Zufall oder Ergebnis interner Machtkämpfe, sondern hängt auch davon ab, um was für einen Betrieb es sich handelt und wie die Leute dort kämpfen können. Der Vergleich zu Bellinzona wird ausschließlich auf der Ebene der Organisation der Gegenwehr, unter Absehung von den objektiven Bedingungen geführt. Die Frage, ob es was anderes ist, in einer Eisenbahnwerkstatt oder einer Kartonfabrik zu streiken und wie sich die Klassenzusammensetzung unterscheidet, wäre auch wichtig gewesen. Generell fällt es schwer, sich ein Bild von der Belegschaft als Kollektiv zu machen, denn es ist wenig zu erfahren über die Leute, ihre Ausbildung, Löhne und Arbeitsverträge, die Arbeit selbst und ihre Veränderung.

Zuhören!

Die HerausgeberInnen haben sich dafür entschieden, die Interviews ohne größere Eingriffe, Kürzungen oder Arrangements und ohne weitere eigene Kommentare abzudrucken. Das erfordert einiges an Geduld von der Leserin, denn die Interviews sind teilweise sehr langatmig, es gibt Wiederholungen und unvollständige Sätze, abgebrochene Gedankengänge.

Die Absicht ist, den Betroffenen eine Stimme zu geben: „Ziel dieser Gespräche ist der Versuch, die ‚Sozialwelt‘ vom Standpunkt der Betroffenen aus zu sehen. Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen! Nicht verhören, sondern zuhören, nicht instrumentalisieren, sondern zur Verfügung stehen – das war und ist das Leitmotiv […].(S.71 ff.) In Sätzen wie diesen und in ihrem Bemühen um eine „gewaltfreie Kommunikation“ beziehen sich die HerausgeberInnen auf Bourdieusche Methoden der Interviewführung, die ihre Herangehensweise prägen, ohne dass sie sich in theoretischen Erklärungen verlieren oder sich an alle von dieser Schule entworfenen methodischen Schritte halten.

Die Arbeiter werden zu ihrer Lebensgeschichte, dem Arbeitsalltag und seinen Veränderungen, ihrem Verhältnis zur Gewerkschaft und deren Rolle während des Kampfs befragt. Und natürlich zu ihrem eigenen Verhalten und ihrer Einschätzung der Auseinandersetzung. Sie erzählen von geplatzten Lebensplanungen, in deren Zentrum ein sicherer Fabrikjob stand, von enttäuschten Erwartungen, die sie in Gewerkschaft und Lokalpolitik hatten, von Versuchen, selbst aktiv zu werden, von zögerlichen und von radikalen Kollegen. Sie reflektieren und kritisieren sich selbst, die Situation, die Institutionen. Ganz unterschiedliche Weltsichten und Lebenssituationen werden nachvollziehbar. Aber bei allen Unterschieden formulieren sie alle einen Punkt: dass die Blockade der Restbestände an Karton früher und entschlossener hätte durchgezogen werden sollen. Ihre abwartende Haltung habe sie gegenüber ihren Vertretern nur noch mehr in der Defensive einzementiert. Das ist die gemeinsame Erfahrung, die eindeutige Lehre aus der Auseinandersetzung, niemand muss sie ihnen erklären. Gleichzeitig merkt man den Interviews auch an, wie die nun individualisierten Leute Schwierigkeiten damit haben, sie festzuhalten und das eben Kritisierte und die eigene Zurückhaltung zum Teil gleich wieder zu rechtfertigen versuchen. Das kennt jede/r von sich selbst, diese Widersprüchlichkeit kann nur in kollektiven Kämpfen zeitweise überwunden werden.

Die Herangehensweise ist also eher beobachtend (obwohl schon ab und zu auf Widersprüche hingewiesen oder auf andere Art zur Reflexion angeregt wird) und hat ihre Stärken, besonders angesichts der Gefahr, in bevormundendes Kommentieren zu verfallen oder den Interviewten die Worte in den Mund zu legen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob wir uns auf diese recht zurückhaltende Gesprächsweise beschränken oder offensiver mit den an solchen Aktionen Beteiligten diskutieren wollen. Die InterviewerInnen tauchen als Beteiligte, die selber politische Ideen haben, kaum auf Im anderen Teil des Buches dagegen stellen sie ihre eigene Analyse des Kampfes dar. Eine gemeinsame politische Diskussion hätte hier vielleicht weiter geführt und dabei geholfen, das Problem, wieweit sich externe UnterstützerInnen überhaupt in einen Arbeiterkampf einmischen dürfen, zu überwinden. Die Interviews in diese Richtung weiterzuentwickeln wäre eine Möglichkeit, über die Idee der „Unterstützung“ von Kämpfen hinaus zu kommen und einen Prozess zu beginnen, in dem beide Seiten voneinander lernen, sich selbst verändern und in Frage stellen können und müssen.

An einer Stelle kommt ein Arbeiter auf die Externen zu sprechen. Es wäre interessant gewesen, dem mehr Raum zu geben: was haben die Arbeiter zu deren Rolle zu sagen, was für Kritik und Ideen bringen sie vor, wie kann die Zusammenarbeit das nächste Mal besser laufen? Denn was die UnterstützerInnen während des Konflikts konkret getan haben, wie die Zusammenarbeit und die Diskussionen in dieser Phase verlaufen sind, wie die Streikzeitungen hergestellt oder die vorgeführten Filme aufgenommen wurden, darüber erfährt man fast gar nichts.

Um die Kämpfe um Betriebsschließungen herum haben sich in den letzten Jahren verschiedene Netzwerke von UnterstützerInnen gebildet. Die Diskussion dreht sich darum, wie solche Kämpfe überhaupt erfolgreich sein können, wie sie sich ausweiten und aus der Defensive kommen: Welche Ziele können gesetzt werden, geht es um Abfindungen oder den Erhalt des Betriebes? Mit welchen Mitteln können diese Ziele erreicht werden, sollen wir besetzen, zum Boykott aufrufen, nach draußen gehen? Wie verhindern wir, dass externe UnterstützerInnen zu Lobbygruppen werden? Das Buch bildet den Stand der Debatte ab – wie wir damit einen Schritt weiterkommen bleibt weiter offen.